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Var

Bergdörfer, Kunst und Küste

Var Teil 2

Die Dracenie, die bergige Region rund um Draguignan, zieht sich von der Maures-Ebene bis an die Gorges du Verdon und besteht aus zahlreichen Bergdörfern. Sie schmiegen sich an die Hügel oder thronen auf einem Berg mit weitem Ausblick in die Region. Neben der Landwirtschaft, die vor allem Blumen, Obst, Gemüse, Käse, Olivenöl, Honig und Wein hervorbringt, leben die Dörfer auch vom Tourismus. Im Sommer kommen die Ausflugsgäste von den Stränden in die Berge und genießen die Natur und auch die etwas kühleren Temperaturen. In der Nebensaison sind die Bergdörfer jedoch in einer Art Dornröschenschlaf. Châteaudouble ist eines dieser Bergdörfer. Es gleicht einem Adlernest, aus dem sich ein weiter Blick in die Nartuby Schlucht bietet. Sportliche können von Châteaudouble zu einer Wanderung in die Schluchten der Umgebung aufbrechen. Eher gemütlich veranlagte Touristen genießen den Ausblick von der Terrasse eines Restaurants und verspeisen dabei lokale Spezialitäten wie etwa Ziegenkäse. Wer davon etwas mit nach Hause nehmen möchte, hält kurz bei der Bastide de Fonteye an. Hier wird Käse aus Ziegen-, Schafs- und Kuhmilch produziert, gereift und auch direkt zum Verkauf angeboten. Bargemon ist eine weitere Perle in der Dracenie. Das pittoreske Dorf hat seinen mittelalterlichen Charakter erhalten. Enge Gassen führen zu kleinen schattigen Plätzen mit zahlreichen Brunnen. Vom Rundweg entlang der noch teilweise erhaltenen Ringmauer bieten sich viele schöne Ausblicke in die Natur ringsum.
 

Krippen, Wein und Haute Cuisine

In Callas, einem weiteren malerischen Bergdorf, befindet sich das Atelier des Santonniers Jean Francis Blanc. Der alte Herr hat zwar das Geschäft mittlerweile an den Sohn übergeben, arbeitet aber gerne noch mit bei der Herstellung der Santons, der traditionellen Krippenfiguren aus Ton. Anders als bei den Krippen in Deutschland wird bei den Santons-Krippen nicht nur die Heilige Familie dargestellt. Es finden sich alle mögliche Berufe und Stände eines Dorfes um die Krippe ein. Und so hat der Santonnier alle Hände voll zu tun, das Dorfleben aus Tonminiaturen nachzubilden - einschließlich der Personen des öffentlichen Lebens wie Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Unternehmer und so weiter. Die Santons Figuren sind inzwischen ein beliebtes Souvenir geworden und die Familie Blanc verschickt ihre Produkte in die ganze Welt.

Die südliche Dracenie, wo die Täler breiter sind, wird vom Weinbau dominiert. Fast die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche des gesamten Var dient dem Weinbau, das wiederum einen Großteil des AOC-Weinbaugebiets Côtes de Provence ausmacht. Seit 1977 sind die Weine der Provence Region als Appellation d’Origine Contrôlée AOC geschützt und unterliegen damit bestimmten Herstellungsregeln. Vor allem ein fruchtiger Rosé wird hier gekeltert. Gut gekühlt gehört er zu jedem Mittagessen dazu. Die Kellner fragen immer erst nach Rosé, bevor sie mit erstauntem Gesichtsausdruck dem offensichtlich ortsfremden Gast ein Wasser bringen. Eines der bekannteren Weingüter in der Region ist das Château Sainte Roseline in Les-Arcs-sur-Argens. Das über eintausend Jahre alte Terroir war einst ein Kloster und die Namensgeberin des Gutes war von 1300 bis 1329 die Äbtissin des Ordens. Auf Grund ihrer Mildtätigkeit wurde sie in der Region verehrt und schließlich im 19. Jahrhundert seliggesprochen. Ihr Körper ruht heute in einem Glasschrein in der Klosterkapelle des Anwesens. Zahlreiche Künstler haben der heiligen Roseline in dieser Klosterkapelle ihre Werke gewidmet. Darunter auch Diego Giacometti und Marc Chagall. Die Kapelle ist jeden Nachmittag für Besucher geöffnet. Im 14. Jahrhundert wurde die Abtei eines der ersten Weingüter in der Region. Vom heutigen Besitzer wurde die Anlage in den 1990er Jahren vollständig renoviert. Heute werden auf Château Sainte Roseline neun verschiedene Trauben angebaut, die zu 24 Rot-, Rosé- und Weiweinen kombiniert werden. Regelmäßig finden auf dem Anwesen Veranstaltungen statt, wie etwa der Blumenmarkt. Der passt insofern gut hierher, da in den Weinbergen des Chateau am Anfang und Ende jeder Reihe mit Reben ein Rosenstock gepflanzt ist. Das dient nicht der Zierde sondern als Frühwarnsystem gegen Schädlinge. Die befallen zuerst die Rosen bevor sie sich auf die Reben stürzen. Das gibt dem Winzer genügend zeit Gegenmaßnahmen einzuleiten und die wertvolle  Reben zu retten.

Die kulinarischen Spezialitäten und Weine der Region auf Sterneniveau serviert findet der verwöhnte Gaumen in der Hostellerie des Gorges de Pennafort. Die Anlage bietet auch elegante Übernachtungsmöglichkeiten, bekannt ist sie jedoch vor allem für ihr hervorragendes Restaurant. Die auf lokalen Produkten basierende Küche von Phillippe da Silva war dem Guide Michelin einen Stern wert. Dennoch ist der Preis für ein Tagesmenü mit 49 Euro pro Person für diese Qualität durchaus im Rahmen – ohne Getränke versteht sich. Nach oben ist die Karte offen, kein Wunder also, dass sich auch der Jet-Set aus St. Tropez öfter mal hier blicken lässt. Zur Einkehr nach einer anstrengenden Wanderung durch die Schlucht von Pennafort eignet sich die Herberge folglich eher nicht. Es sei denn man macht sich vorher im Wohnmobil frisch und zieht sich um.
 

Wandern, Segeln und die schwarze Insel

Wandern ist im Var eine sehr abwechslungsreiche Freizeitbeschäftigung. Die Schluchten und Berge im Landesinneren unterscheiden sich sowohl hinsichtlich des Klimas als auch hinsichtlich der Landschaft von den küstennahen Wandergebieten wie etwa dem Esterel-Massiv zwischen Saint-Raphaël und Cannes, einer Auftürmung aus rotem Fels direkt am Meer. Das Esterel ist Naturschutzgebiet und es führen nur wenige kleine Straßen hinein, die bei Mistral oder Brandgefahr geschlossen werden. Das Esterel eignet sich hervorragend für Mountainbike- und Wandertouren. Zwar fehlt hier die wilde Enge der Schluchten des Hinterlandes, dafür bläst der Wind die Wolken weg und das Wetter ist oft besser. Im Hochsommer jedoch brennt die Sonne erbarmungslos auf den roten Fels und das Gebiet ist meist wegen Brandgefahr geschlossen. Dann dürfen nur die Ranger herein, die von Beobachtungsposten aus im Ernstfall die Löschflugzeuge zur Brandstelle lotsen. Wer hier Wandern möchte, sollte das im Frühjahr oder Herbst tun.

Am Rande des Esterel-Gebirges liegt Fréjus, die größte Stadt im östlichen Teil des Var. Bereits vor den Römern gab es hier eine Siedlung jedoch waren die Römer die ersten deren Bauten auch heute noch im Stadtbild zu finden sind. Vom Aquädukt, dem Amphitheater und dem antiken Hafen sind jedoch nur noch Ruinen übrig. Die römische Stadt wurde 940 von Sarazenen zerstört. Das neue historische Zentrum entstand daraufhin rund um die Bischoffsstadt aus Kloster, Baptisterium und Kathedrale. Überhaupt war Fréjus im Laufe seiner Geschichte vielen zerstörerischen Mächten ausgesetzt: Im Streit zwischen Spanien und Frankreich wechselte es in der Renaissance mehrfach gewaltsam den Besitzer, häufig wurde es von Piraten geplündert, im zweiten Weltkrieg war es Schauplatz einer alliierten Landung und 1959 wurde es von der Flutwelle eines Dammbruchs heimgesucht. In der Nacht des 2. Dezember brach die 9 Kilometer entfernet Barrage de Malpasset im Esterel-Gebrige, die Flutwelle begrub weite Teile von Fréjus unter Schlamm und riss über 400 Menschen in den Tod.  Der historische Stadtkern von Fréjus ist daher leider sehr überschaubar. In den übrigen Teilen ist es eine moderne Stadt die mittlerweile mit dem Nachbarn Saint Raphael zusammengewachsen ist.

Saint Raphael hat das typische Aussehen eines Seebades an der Côte d’Azur mit einer langen Standpromenade einem Fischerei- und einem Sportboothafen und zahlreichen Ferienwohnungen und –häusern. Der Ort erstreckt sich bis zu den roten Felsen des Esterel-Gebirges. Dessen Küstenlinie besteht aus zahlreichen kleinen und zum Teil versteckten Buchten, die nur vom Wasser aus zu erreichen sind, den Calanques. Wer ein Boot hat, kann hier auch in der Hochsaison ungestört baden. Wer keines hat kann mit einem der großen Katamarane hinaussegeln. Zwar kostet ein Nachmittag auf einem Katamaran fast 50 Euro pro Person, die Segeltour lohnt sich aber dennoch, denn die Küste des Esterel vom Meer aus ist ein einmaliger Anblick. Gleich zu Beginn des Segeltörns passiert das Boot eine Insel deren Anblick dieses „das kenne ich irgendwoher“ Gefühl auslöst. Comicfreunde erkennen sie sofort. Es ist die schwarze Insel aus dem gleichnamigen Tim und Struppi Comic des belgischen Zeichners Hergé. Dieser fand die Ile d’Or, wie sie im richtigen Leben heißt, so schön, dass er sie für seine Story kurzerhand nach Schottland versetzte. Wer die Insel täglich vor Augen haben will ohne aufs Wasser zu gehen steuert den Campingplatz Campeole Le Dramont in Saint-Raphael an.

Wir wären gerne länger hier geblieben, denn das Département Var ist noch ein typisches Stück Südfrankreich. Seine abwechslungsreiche Landschaft, die reiche Natur und nicht zuletzt der entspannte südfranzösische Lebensrythmus, der manchen Teilen der Azurküste abhanden gekommen ist, aber im Var noch lebendig ist, sind unbedingt eine Reise wert.